Das Abholen klappt in der Regel problemlos. Ich wurde von meinem Shifu am Flughafen abgeholt. Da die Schule sehr weit vom Flughafen weg ist, ist es sinnvoll sich die Telefonnummer der Schule zu besorgen und bei Verspätungen dort anzurufen.
Es gibt zwei Wohngebäude. Das eine wirkt etwas älter, hat 5 Stockwerke und dient als Schlaf/ Wohnraum für alle chinesischen Schüler, Trainer und Personal. Als Ausländer wird man im 5. Stock einquartiert. In der Regel erhält man mit einem anderen Ausländer ein karg ausgestattetes Zimmer. Darin befinden sich zwei Betten mit durchgelegener Matratze, 2 Stühlen und einem Nachkästchen. Viele von uns hatten noch eine Leine für die Wäsche gespannt. Jeder bekommt für sein Zimmer einen Schlüssel, da die Zimmertüren keine Klinken haben. Sorgen, dass etwas geklaut wird muss man sich aber nicht machen. Am Ende des Ganges befinden sich Waschräume und Toiletten. Toiletten sind in Henan/ China ein düsteres Kapitel. Neben einer normalen Rinne gab es auch noch eine Kloschüssel. Sauberkeit darf man aber nicht erwarten. Während meiner Zeit dort wurde noch eine Warmwasserdusche eingebaut. Im 5. Stock befindet sich auch noch das DVD/Computer Zimmer. Dort kann man im Internet surfen, falls der Rechner nicht gerade belegt ist, was leider häufig passiert. Auch der DVD-Player wurde intensiv genutzt. Die neuesten DVDs kann man in der Stadt günstig erwerben (6 Yuan=60Cent). Das neuere Wohngebäude ist auf der anderen Straßenseite. Hier wohnen die Lehrer und der Schulbesitzer. Für uns Ausländer gab es 3 Zimmer im 1. Stock. Dort habe ich die meiste Zeit meines 6-monatigen Aufenthalts gewohnt. Der Neubau hat gegenüber dem Altbau nämlich einige Vorteile: Zuerst sind da die westlichen und noch halbwegs sauberen Toiletten. Auch hier gibt es eine Warmwasserdusche. Außerdem ist fast immer Strom und Wasser vorhanden. Denn das wird im anderen Gebäude gerne mal abgedreht. Auch ist es deutlich leiser, da sich keine chinesischen Schüler im Gebäude befinden. Nachteile gibt es aber auch: Da der Neubau auf der anderen Straßenseite ist und abends die Tore geschlossen werden muß man früher zurück. Es bleibt daher vielleicht nicht mehr genügend Zeit um im Internet zu surfen oder einen Film fertig anzuschauen. Auch geht der Kontakt zu den chinesischen Schülern etwas verloren. Prinzipiell waren die Zimmer im Neubau sehr begehrt, so dass hier hauptsächlich die Ausländer einquartiert waren, die längere Zeit an der Schule verbrachten. Zum Duschen: Ich war so gut wie nie in der Schule duschen sondern im Badehaus. Das befindet sich zirka 500 Meter von der Schule entfernt und bietet eine warme Dusche und Badewanne für 5 Yuan (50 Cent). Neben der besseren und sauberen Umgebung bietet es auch den Vorteil, dass man auch mal aus der Schule herauskommt.
Das Schulgelände verteilt sich auf zwei Straßenseiten. Auf der einen befindet sich wie erwähnt, das alte Wohngebäude, eine Trainingshalle, die Mensa, ein Basketballplatz und Tischtennisplatten. Die Trainingshalle besteht aus einer Tribüne und einer normalen Trainingsfläche. Auf dieser befinden sich Matten die mit einer großen Segeltuchplane bedeckt sind. Der andere Teil der Halle (abgetrennt) dient als Essraum. Dort befindet sich auch die Küche. Daneben gibt es im Gebäude noch einen kleinen Laden, wo man nötige und unnötige Dinge kaufen kann. Der Basketballplatz ist eine reine Sandfläche und dient als Trainingsplatz. Auf der anderen Straßenseite gibt es neben dem neueren Wohngebäude noch das Schulgebäude für die Kinder. Hier fand auch unser Chinesisch Unterricht statt. Neben zahlreichen Trainingsplätzen gibt es auch noch betonharte Sandsäcke. Zur Lage: Die Schule befindet sich außerhalb von Zhengzhou auf dem Land. Mit dem Taxi ist man aber in zirka 25 Minuten im Stadtzentrum. Kosten zirka 20 Yuan (=2 Euro). Während meiner Zeit in China wurde irgendwo abseits ein neues Gebäude für die Ausländer errichtet. Wann dieses allerdings bezugsfertig ist weiß ich nicht.
Das Nord Kung Fu (Shaolin Kung Fu) sieht recht spektakulär aus. Es ist gekennzeichnet von Sprüngen, Akrobatik und Waffeneinsatz. Der prinzipielle Ablauf sieht so aus: Man lernt jeden Monat eine neue Form. Mehr macht glaube ich auch keinen Sinn. Begonnen wird mit einer waffenlosen Form genannt "Xiao Hong Quan". Danach folgen Stock, Säbel, Speer und Schwert. Dies kann man als Grundausbildung betrachten. Dann hat man die Möglichkeit sich seine Formen selbst auszusuchen. Es gibt neben einer Vielzahl von weiteren Waffen auch noch Tierformen, Qi Gong und Tai Chi. Dies ist aber wahrscheinlich nur für Leute interessant, die über ein halbes Jahr bleiben wollen. Leute, die nur kurze Zeit bleiben haben natürlich auch die Wahl ihre Formen selbst auszuwählen. Trotzdem betrachte ich diese Sache eher skeptisch, da für die Tierformen selbst ein halbes Jahr Training meist nicht reicht, um überhaupt die körperlichen Voraussetzungen dafür zu haben. Ich selbst habe vorher Teakwondo gemacht und konnte damit überhaupt nichts anfangen. Das Kung Fu ist eher dem Bodenturnen/ Akrobatik zuzuordnen. Leute mit Erfahrungen in diesem Bereich waren mir weit voraus. Auch der Umgang mit Waffen war mir völlig fremd. Erwähnen sollte man hierbei vielleicht, dass man nicht lernt mit den Waffen zu kämpfen sondern lediglich lernt eine Form damit zu laufen. Aber natürlich kommen darin viele Techniken vor. A propos Kämpfen: Wer kämpfen will ist hier ich möchte nicht sagen ganz, aber zumindest ziemlich falsch. Der Kampf "Sanda" wird später unterrichtet. Rein optisch hat es mich an eine Mixtur zwischen Kickboxen und Ringen erinnert. Richtig kämpfen können nur sehr wenige und es ist auch nicht Trainingsschwerpunkt. Kung Fu ist doch mehr Show. Wer unbedingt kämpfen will kann sicher in einer der "Sandaklassen" trainieren. Ich persönlich kann dazu allerdings nur abraten. Übrigens: Die Schule ist eine reine Trainingsstätte. Wer auf "spirituelle Erleuchtung" hofft ist hier total falsch und sollte sich anderweitig umsehen.
Das wohl heißeste Thema überhaupt. Deshalb erst Mal zu den Fakten. Trainiert wird zirka fünfeinhalb Stunden jeden Tag. Samstags zirka 3. Sonntag ist frei. Dienstag Nachmittag findet Chinesisch statt und Donnerstag Vormittag ist frei, so dass an diesen 2 Tagen Abends noch trainiert wird um die Stunden zusammen zu bringen. Prinzipiell gibt es 2 Trainingseinheiten am Vormittag und 2 am Nachmittag. Die Trainingszeiten ändern sich je nach Jahreszeiten. Generell läßt sich sagen, dass in den kälteren Monaten das erste Morgentraining recht kurz ist und dafür mehr auf den Nachmittag geschoben wird. Im Sommer wird mehr in der Früh und am Abend trainiert. Wann was trainiert wird läßt sich nicht generell sagen. Dennoch gibt es klare Tendenzen: Das 1. Morgentraining besteht hauptsächlich aus Konditionstraining. Das heißt Laufen, Sprinten, Hüpfen, Sit-ups usw. Im 2. Morgentraining wird mehr Wert auf Dehnen gelegt. Trainiert werden meist Formen und Waffen. Zum Aufwärmen wird auch oft Basketball gespielt. Das Nachmittagstraining hat meist nur eine kurze Zwischenpause. Auch hier wurde zum Aufwärmen oft Basketball gespielt. Schwerpunkte sind hier entweder Tritte, Sprünge und Formen oder Akrobatik. Das Akrobatik Training findet meistens in der Trainingshalle auf den Matten statt. Noch zu meinen Erfahrungen: Der erste Trainingstag lief ganz gut. Natürlich hatte ich am nächsten Tag einen leichten Muskelkater, aber man trainiert natürlich weiter. Am 3. Tag war der Muskelkater natürlich immer noch da, aber wen stört´s. Am 4. Tag konnte ich kaum noch die Treppen steigen. An Dehnen war nicht mehr zu denken und meine Beine nur noch hart. Beim Training denkst du dann nur noch daran, wann es wieder vorbei ist. Dieser Zustand blieb dann zirka eine Woche. Danach merkte ich wie ich wieder etwas lockerer wurde und wieder dehnen konnte. Auch die Schmerzen gingen zurück. Aber ein Rest blieb und zwar für die ganze weitere Zeit meines 6-monatigen Aufenthalts. Es hat sich zwar mit der Zeit etwas verändert, oder sagen wir so, es kamen mit der Zeit auch noch Schmerzen an Armen und Rücken hinzu. Trotzdem so schlimm ist das nicht und man sollte es nicht überbewerten. Das Training selbst habe ich viel härter erwartet und oft wird in Deutschland viel härter trainiert. Aber was mir am Anfang nicht so bewußt war ist die Masse an Trainingseinheiten, die einen plättet. Regeneration findet nur bedingt statt. Natürlich kann man mal aussetzen. Es wird aber nicht sehr gerne gesehen. Aber der Körper gewöhnt sich daran. Je nach individuellen Voraussetzungen liegen natürlich die Probleme unterschiedlich. Bei mir war es die Dehnung. Und ich muß sagen, wer gut gedehnt ist hat schon fast gewonnen. Für mich ein eher schmerzhaftes Thema.
Trainer gab es damals 3: Zhengshifu, Wangshifu und Shishifu (Yanlin). In den ersten 4 Monaten habe ich mit Zhengshifu trainiert danach mit Shishifu. Zhengshifu legt viel Wert auf Sprünge und Kondition. Er bekommt schnell mal einen "roten Kopf", ist aber sehr engagiert. Wangshifu hat viel Sanda unterrichtet. Er ist aber nicht mehr an der Schule. Shishifu (Yanlin) trainiert die Fortgeschrittenen und übt gerne Formen, Tritte und Akrobatik. Jede Gruppe hat zwar ihren eigenen Trainer (Shifu), dennoch hat man nicht jede Trainingseinheit mit dem gleichen Trainer. Es findet eine gesunde Rotation statt. Die Ausländer trainieren in der Regel getrennt von den Chinesen. Wir haben oft darüber diskutiert, ob es nun besser oder schlechter ist. Ich persönlich bin der Meinung, dass es besser ist und zwar aus folgenden Gründen: Die Gruppen der Ausländer sind relativ klein (zirka 3-5 Leute) im Vergleich zu den Chinesen (20 und mehr ). Der Trainer hat also mehr Zeit für die einzelnen Schüler und die wird oft dringend benötigt. Außerdem ist mehr Spielraum für persönliche Wünsche. Das Training der Chinesen ist auf 3 Jahre ausgelegt. Im ersten Jahr machen sie fast nur Dehnen, Tritte und Sprünge. Das Training ist also auch ziemlich langweilig im Vergleich zu dem der Ausländer. Und ausreichend Grundlagen werden trotzdem vermittelt. Die Trainingskleidung wird von der Schule gestellt. Schuhe kann man billig im Shop kaufen.
Das Essen spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Am Anfang habe ich noch verdutzt geschaut, als die kleinen Chinesen einen halben Kochtopf Früh, Mittag- und Abend hinuntergeschlungen haben. Nach einer Woche habe ich die selben Portionen verdrückt. Am Anfang kann man das Zeug auch noch essen. Aber je länger man bleibt desto weniger genießbar wird das Essen. Beim Anblick der Küche würde jemand vom Gesundheitsministerium sowieso die Hände über den Kopf zusammen schlagen. Prinzipiell läuft es folgendermaßen ab: Man geht mit seinem Topf hin, deutet darauf was man haben will. Also z.B. Nudeln, Reis mit Fleisch, Grünzeug. Der Koch schmeißt das ganze Zeug in seine Wok-Pfanne und kocht es im Öl heraus. Dazu kann man sich noch eine Art Kuchen (Rührei) und Brot nehmen. Als privilegierter Ausländer hat man sogar die Möglichkeit etwas zu bestellen. Es gibt Nudelsuppe, Tansulitschi (Fleich mit süß-sauer Sauce), Pommes und Erdnüsse. Wenn sich die Möglichkeit ergab waren wir in der Stadt essen. Aber das geht mit der Zeit auch ins Geld. Die meisten bekamen am Anfang Durchfall und lagen gleich Mal ein paar Tage flach. Ich hatte überhaupt nichts. Aber damit war ich wohl eine Ausnahme. Mein Zimmerkollege hatte praktisch alle 4 Wochen Durchfall.
Zusätzlich zum Training findet am Samstag Buddismus und 2 x die Woche Chinesisch Unterricht statt. Von beiden Sachen sollte man sich nicht zu viel versprechen. Der Buddhismus ist reine Meditation, d.h. man sitzt eine Stunde im Kreis und hört Musik. Bei mir hat das lange Sitzen immer zu üblen Verspannungen geführt und ich war froh wie es endlich vorbei war. Während meines Aufenthalts hat die Chinesisch Lehrerin 2x gewechselt. Sie geben sich viel Mühe, aber Chinesisch lernt sich nicht so einfach. Wer nicht selbst lernt, wird wohl kein Chinesisch lernen. Selbst wenn er länger als 2 Jahre bleibt.
Gab es jede Menge. Während der Europäer ein strikte Trennung zwischen Privat und Arbeitsleben sieht gibt es diese Trennung beim Chinesen nicht. D.h. deine trainingsfreie Zeit betrachtet der Chinese als sein Eigentum und schreibt dir vor, was du zu machen hast. Oder anders formuliert, was du nicht machen darfst. Das ist praktisch fast alles, so dass wir dazu verdammt waren auf unseren Zimmern abzuhängen. Die Schule verlassen ist nur Donnerstag Vormittag und Sonntag erlaubt. Dazu muß man sich bei seinem Trainer abmelden und angeben wo man hingeht und wann man wieder zurückkommt. Viele sind deswegen wieder abgereist. Auch waren sich die Ausländer dabei untereinander selbst strittig. Es gab das Lager das alles brav gemacht hat was von oben kam und die Opposition, die sich solche Dinge nicht gefallen läßt. Das Thema Kritik ist in China sowieso etwas heikel. Nach Sicht der Chinesen sind gute Ausländer, die die sich an die Schulregeln halten und brav trainieren. Die Bösen schwänzen Training und brechen die Schulregeln. Obwohl man sich wie in einem Gefängnis befindet kann ich nicht behaupten, dass man von Land und Leute nichts mitbekommt. So eine Schule ist wie ein Mikrokosmos. Auf Drängen von Matthias wurden die Ausgangszeiten etwas gelockert, so dass nun auch Samstag Abend weggegangen werden kann.
Ich habe es mir irgendwie ganz anders vorgestellt. Dieses Land ist stark im Umbruch und man findet hier wirklich die seltsamsten Gegensätze praktisch direkt nebeneinander. Da ist der Geschäftsmann im neuen Mercedes direkt neben einem Habenichts, der gerade einen Holzkarren über die Straße schiebt. Kaufen kann man alles. Es gibt riesige Supermärkte mit einer Produktauswahl, die man wahrscheinlich selbst in Deutschland kaum findet. Dazu für uns umgerechnet sehr günstig.
Ich hatte mir viel vorgenommen und habe, so denke ich auch einiges erreicht. Leider habe ich auch feststellen müssen, dass man in einem halben Jahr keine Berg versetzen kann und wer richtig Kung Fu lernen will sollte fünf Jahre einplanen. Wie jedes andere Land hat China seine Vor - und Nachteile. Die Leute sind sehr nett und irgendwie ist das Leben dort viel entspannter als in Deutschland. Aber vielleicht lag es auch daran, dass es für uns Ausländer ja sowieso wie Urlaub war. Ich würde es jederzeit wieder machen und ich denke ich habe dabei auch viel gelernt.
Christian