Reisebericht von Philipp Reiss

Chang Zhang Shui Ku Wu Xiao, Zhengzhou

21.03.2005 - 14.04.2005

Ankunft

Nach einigen ernüchternden Flügen kam ich zwar müde, aber nicht minder gespannt am Nachmittag des 21.März 2005 am Flughafen in Zhengzhou an.

Mein Shifu für die nächsten drei Wochen , Zheng Shifu, und ein schweizer Schüler namens Gordon warteten schon darauf, mich abzuholen. Gordon sollte mein Zimmerpartner werden, wie er mir gleich auf der Heimfahrt erzählte. Die Fahrt durch Zhengzhou zur Schule dauerte etwas länger, weil der Fahrer des Kleinbusses und Zheng Shifu noch eininge Sachen in der Stadt zu besorgen hatten.

Als wir schließlich in der Schule ankamen, hatte der Koch der Schule uns noch ein verspätetes Abendessen zubereitet. Das Essen war gut und ich war vor allem froh, etwas anderes als Flugzeugkost in den Magen zu bekommen. Danach konnte ich mich noch etwas im Gebäude umschauen und traf dann auch noch Xie Shifu, aus E-mail Kontakten besser bekannt als Yanlin, der mit mir einige formelle Sachen regeln und meine letzten Fragen beantworten wollte.

Da ich mich schon fest dazu entschieden hatte, das Morgentraining am nächsten Tag gleich mitzumachen, ging es auch bald darauf ins Bett.

Training

Zu Beginn war das Traning natürlich sehr hart und anspruchsvoll. Aber ich war erstaunt, wie schnell man an seinen Aufgaben wächst und Erfolge wahrnehmen kann. Insgesamt habe ich soviel in den 3 Wochen gelernt, wie ich es nie erwartet hätte.

Zwar habe ich so gut wie keinen Zweikampf oder Selbstverteidigungstechniken gelernt, aber was die Dehnung, Schnellkraft, Koordinierung und Akrobatik angeht, habe ich riesen Fortschritte machen können.

Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen, dass der Körper, und vor allem Gelenke und Bänder, sehr beansprucht werden. So kam es, dass viele der Ausländer das Trainig zeitweise aussetzen mussten, oder dieses nicht hundertprozentig durchführen konnten. Auch ich war in gewissem Sinne froh darüber, nach den drei Wochen meinen Sprunggelenken mal eine Pause zu gönnen, denn andererseits hätte ich bestimmt auch ein paar Tage aussetzten müssen.

Eine gute Dehnung im ist auf jeden Fall von Vorteil, wenn man dieses Training auf sich nehmen will, genauso wie eine gute Kondition. Aber auch in weniger perfektem Trainingszustand ist das Training in dieser Schule gut möglich, denn keiner wird zu unmöglichen Dingen gezwungen, auch wenn der Shifu zeitweise ziemlich schroff mitanpackt.

Im ersten Monat lernt man die "xiao hong quan", die erste Faustform. Im nächsten Monat lernt man die Stockform. Danach kann man meines Wissens zufolge eine relativ beliebige Form ernlernen, im großen und ganzen ist ein Monat pro Form angepeilt.

Man trainiert mit den Ausländern in einer Gruppe, wobei sich die verschiedenen Gruppen danach gliedern, welche Form man gerade lernt. Jede Gruppe wird von einem anderen Shifu geleitet, dieser ist auch über das Training hinaus der erste Ansprechpartner für seine Schüler.

Es ist sechs mal die Woche drei mal täglich Traning, an zwei Tagen der Woche auch noch ein viertes Mal. Hinzu kommt zweimal der Chinesisch- und einmal der Buddhismus-Unterricht, die jeweils in den Trainingszeiten eingebettet sind. Ein Tag der Woche ist frei und wir haben diesen Tag immer dazu genuzt, in die Stadt zu fahren um den Markt zu besuchen oder für die folgende Woche einzukaufen.

Essen

Das Essen ist meiner Meinung nach echt gut! Leider kann man nie sagen, wie es sein wird, denn ich habe während den drei Wochen die "Amtsperiode" von drei verschiedenen Köchen miterlebt. Jeder kocht natürlich anders und somit bleibt es immer eine Überraschung.

Generell gibt es zu jeder Mahlzeit Reis und kleine Brötchen, deren Namen ich leider nicht schreiben kann... Sie sind relativ fade, schmecken aber zu allem irgendwie gut.

Es gibt immer eine Art Buffet bei den Mahlzeiten. Entweder man holt sich das was man will vom Koch, oder es stehen verschiedene Teller mit Fleisch, Gemüse, Nudeln, ... auf dem Tisch und man bedient sich einfach.

Zu Trinken gibt es hauptsächlich das Leitungswasser der Schule, was erstaunlich gut schmeckt. Man kann sich aber auch im schuleigenen "Tante Emma Laden" alles mögliche zu kleinen Preisen kaufen.

Am Vorabend des freien Tages sind wir immer in die Stadt essen gegangen. Es gibt dort ein All-You-Can-Eat-Restaurant, das ich nur weiterempfehlen kann! Für 25Yuan kann man dort reinhauen, bis man platzt. Auch die Getränke sind inklusive!

Wohnen

Die Schule hat zwei Wohnkomplexe, in denen die zahlreichen Schüler untergebracht sind, Chinesen und Ausländer. Ich habe in einem Doppelzimmer im fünften Stock gewohnt, zusammen mit einigen anderen Ausländern auf diesem Stockwerk. Das Zimmer beinhaltet im Grunde nur zwei Betten. Allerdings kann man sich fast alles was man braucht im Supermarkt spotbillig dazukaufen. So zum Beispiel Teppich oder Heizung. Von Xie Shifu habe ich noch eine Schüssel, ein Tuch, einen Becher, eine Thermoskanne und sogar eine Zahnbürste bekommen. Das reichte eigentlich auch schon zum Waschen.

Zum Duschen sind wir jedoch alle in das nahegelegene Badehaus gelaufen (ca. 5 Minuten). Dort kann man für 5 Yuan baden und duschen wie man will. Wir haben auch unsere Wäsche in den dortigen Badewannen waschen können. In der Schule gibt es natürlich auch ein paar Waschbecken, allerdings müsste man dort das heisse Wasser in der Thermoskanne vom Boiler draussen in den fünften Stock hochschleppen.

Auf jedem Stockwerk gibt es Toiletten nach chinesischem Standard. Das heißt soviel wie Plumpsklo und Pissrille. Es gib aber auch eine westliche Toilette, die jedoch nicht unbedingt einladender als die Chinesische aussieht.

Ich hatte das Gück, in dem Wohngebäude zu wohnen, in dem der Computer mit Internetnaschluss steht. Die Verbindung ist zwar nicht die schnellste, aber zum E-mailen reichts allemal. Sie bricht leider auch wie der Strom öfters mal zusammen, aber man muss sich halt dran gewöhnen, dann geht das schon.

Chinesisch und Buddhismus

Wie schon erwähnt ist zweimal die Woche Chinesisch Unterricht und einmal Buddhismus Unterricht.

Der Chinesisch Unterricht wird von dem jeweiligen Shifu abgehalten und ist leider nicht ganz so umfangreich, wie ich mir das vorgestellt habe. Man lernt zwar schon was und es gibt auch Hausaufgaben, jedoch besteht der Unterricht eigentlich nur darin, dass der Shifu aus dem Wörterbuch vorliest und die Vokabeln beim nächsten Mal abfragt. Ich weiss nicht, wie es bei den anderen Shifus abläuft, aber bei unserer Gruppe wars zumindest so. Man lernt auch nicht die Schriftzeichen oder die richtige Betonung, aber es macht zumindest viel Spaß.

Eigentlich lernt man auch am besten, wenn man versucht mit dem Taxi in die Stadt zu fahren, oder auf dem Markt einkaufen will. Die hier üblichen Ausdrücke lernt man ziemlich schnell. Es ist aber auch immer gut, ein Wörterbuch mit sich zu tragen. Auch im Training kann man etwas Chinesisch lernen: "dsuo - you - dsuo" oder "yi - er - san - si" werden sich einem beim allmorgendlichen Laufen im Gleichschritt schon einprägen!

Die Erwartungen, die ich an den Buddhismus Unterricht gestellt habe, haben sich leider auch nicht wirklich erfüllt. Man zündet Räucherstäbchen an und murmelt ein Gebet, dessen Inhalt niemand versteht. Naja, ich wollte eigentlich noch etwas über den Buddhismus lernen, aber man kann ja auch noch Xie Shifu ein paar Fragen stellen, denn er leitet den Unterricht.

Alles in allem jedoch eine gute Gelegenheit, sich zu sammeln und neben dem Training etwas Ruhe zu finden.

China

Trotz dass ich ja nur für drei Wochen in China war, habe ich doch viel sehen können.

Mal abgesehen davon, dass man in der Stadt Zhengzhou jede Woche die Möglichkeit hat, den Markt und das Stadtgewusel mitzuerleben, bietet die Schule auch so in etwa jeden Monat einen Ausflug an. Eine Woche vor meiner Ankunft fuhren die Ausländer nach Shaolin und zwei Wochen nach meiner Abreise war ein Ausflug in die Stadt Kaifeng geplant. Ich war natürlich erstmal enttäuscht, als ich hörte, dass gerade eine Woche vor meiner Ankunft die Fahrt nach Shaolin war, denn da wollte ich schon unbedingt hin. Ich hab dann aber mit den Shifus geredet und so kam es, dass ich mit Zheng Shifu an meinem zweiten Wochenende nach Shaolin fahren konnte. Es läßt sich also schon einiges arrangieren und wenn man länger in der Schule bleibt als ich, dann bekommt man ja sowieso auf jeden Fall eine Fahrt mit.

Schlusswort

Also, natürlich muss sich jeder sein eigenes Bild machen, aber ich kann die Chang Zhang Shui Ku Wu Schule in Zhengzhou nur weiterempfehlen. Man lernt wirklich ne Menge, auch wenn einem das Training viel abverlangt. Ich hatte vor meiner Reise nach China seit ca. fünf Monaten Kungfu gelernt und meine Dehnung war auch nicht so rekordverdächtig. Auf die Trainingsreise habe ich mich nicht speziell vorbereitet, ausser wie üblich zwei bis dreimal wöchentlich zum Training zu gehen. Ich hatte keine ernsten Probleme mit dem Training in China und kann also allen, die noch am Zweifeln sind, nur Mut machen.

Die Chinesen sind alle sehr nett und fürsorglich und es war echt ein tolles Erlebnis, den Alltag mit ihnen zu teilen.

Das tägliche Training zwischen so vielen Kungfubegeisterten macht einen riesen Spaß und mir hat mein dreiwöchiger Aufenthalt auf jeden Fall Appetit auf mehr gemacht. Ich bin mal gespannt, was sich für die Zukunft ergeben wird.

Für allen, die sich auch dazu entschieden haben, nach China zu gehen, wünsche ich viel Spass!

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