Training in Shaolin
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Jetzt kommen wir zu dem interessantesten Beitrag, denn keiner
von Euch weiß, was ihn erwartet, wenn er sich entschließt in Shaolin Kung Fu zu trainieren. Um es kurz zu fassen:
SCHMERZEN. Ihr werdet richtige Qualen erleiden. Aber immer der Reihe nach.
Die Chinesen fangen sehr früh an zu trainieren. Im Alter
von 4 - 10 Jahren geben die Eltern ihre Kinder in eine der zahlreichen Kung Fu Schulen. Im Schnitt leben und trainieren die Kinder
für 3 Jahre in Shaolin. Man muß
bedenken, daß die Kinder nur während der offiziellen Ferien (1 Monat im
Jahr) ihre Eltern sehen. Sie sind völlig auf sich allein gestellt. Die Trainer
"betreuen" die Kinder rund um die Uhr und stellen für diese einen Mutterersatz
dar. Doch warum tun Eltern ihren eigenen Kindern so etwas an?
Stellenwert einer Shaolin Kung Fu Ausbildung in China
Dies ist recht einfach zu beantworten, denn auch in China
herrscht eine hohe Arbeitslosenquote. Das Erlernen des Shaolin Kung Fu stellt eine
der angesehensten Ausbildungen dar. Derjenige Schüler, der die
Abschlußprüfungen in einer Shaolin Kung Fu
Schulen erfolgreich abgeschlossen hat, besitzt die Möglichkeit, im "reichen"
Süden als Polizist, in der Armee, als Bodygard (sehr beliebt - in jedem Mc
Donald gibt es mindestens einen Sicherheitsbeamten) oder sogar in der Peking Oper zu
arbeiten. Das Shaolin Kung Fu besitzt einen
höheren Stellenwert als ein abgeschlossenes Studium.
Mit Zuckerbrot und Peitsche
Das tägliche Training beginnt um 05:30 Uhr mit einer
durchdringenden alles übertönenden Militärsirene. Minutenspäter
herrscht ein heilloses Chaos auf den Gängen der Schule. Tausende von
Schüler drängen gleichzeitig zu den Trainingsflächen, ohne sich zuvor
gewaschen oder gekämmt zu haben. Wofür sollte dies auch notwendig sein? In
den Toiletten kämpfen hunderte von Schülern um ein Stückchen Rinne,
denn keiner darf zu spät zum Unterricht erscheinen.

Jede kleinste Verspätung wird von den Trainern gnadenlos
bestraft, d.h. Stockhiebe, Liegestütz, etc. Der Trainer besitzt die absolute
Authorität und Handlungsfreiheit. Es steht in seiner Macht, ob und wie
Schüler bestraft werden. Wir kennen keinen Trainer, der seine Kinder nicht
geschlagen hat (man bedenke, die Kinder beginnen im Alter von 4 Jahren mit dem Kung
Fu!). Allerdings gibt es einige Trainer, die übertreiben. Wir haben einen
Trainer - von den Ausländern auch "Schlachter" genannt - erlebt, der seine
Kinder grundlos getreten und mit dicken Knüppeln auf sie eingeschlagen hat, bis
die Knüppel zerbrochen sind. Eine besondere Strafe bestand darin, die
Schüler die Brücke machen zu lassen. Eine Reisschale wird auf dem Kopf
plaziert und wenn diese fällt, gibt es Schläge und Tritte. Im Schnitt
mußte die Brücke eine halbe Stunde am Stück durchgeführt werden.
Für die Ausländer ist es schon hart, jeden Tag das Schreien, das Wimmern,
die angstvollen Augen und die Tränen der Kinder mit anzusehen. Aber trotz dieser
Qualen lassen die Kinder alles über sich ergehen und nach dem Training vertragen
sich Schüler und Trainer wieder. Das gesamte Training wird wie beim Militär
durchgeführt, d.h. zum Trainingsbeginn in Reih und Glied stehen, Ansprache des
Trainers und Marschieren.
Morgendliches Training
Im morgendlichen Training von 05:45 Uhr bis 07:30 Uhr wird
hauptsächlich Kondition und Schnellkraft trainiert. Zunächst wird die
Muskulatur durch ein lockeres Laufen aufgewärmt. Es ist schon ein
überwältigendes Bild, wenn knapp 15.000 Schüler wie beim Militär
in Formationen durch Shaolin laufen. Nun wird durch eine Vielzahl kleinerer bis
mittlerer Sprints die Schnellkraft trainiert. Während die Ausländer beim
Sprinttraining alles geben (und ich kann versichern, daß auch wir auf 100 m
unter 12 s laufen!), läuft der Trainer mit einem Stock locker nebenher, feuert
einen an und versetzt Schläge aufs Hinterteil, wenn man sich seiner Meinung nach
zu langsam bewegt. Ein beliebtes Ziel beim Training stellt die aus 1000 Stufen
bestehende Treppe zur Bodhidharma-Höhle
dar.

Die Shaolin Mönche laufen diese Strecke jeden Morgen und
die Kondition, die sie dadurch erreichen, ist gigantisch. Aber auch nur wenige Stufen
reichen aus, um die Schüler zum Schwitzen zu bekommen. Kurzsprints über 10
m Treppe, Hinken jeweils auf dem linken, rechten und beiden Beinen fordern den
Trainierenden alles ab. Abwärts muß jeder Schüler die
Liegestützhaltung einnehmen, damit auch die Arme trainiert werden. Nach 1 3/4 h
ist das morgendliche Training beendet. Die Muskulatur ist müde, Arme und Beine
schwer.
Frühstückspause
Nun ist Frühstückszeit und eine Vielzahl an
Ständen oder Restaurants laden zum einfachen Frühstück ein. Dies
besteht meist aus Dou Fu Noir (Sojasuppe), Ba Bao Jou (8 Kostbarkeitensuppe) und Yao
Tiao (frittierter Teig). Auch Nudeln und Reis werden gerne zum Früstück
gegessen. Dabei ist darauf zu achten, daß man beim Essen möglichst laute
Schmatz- und Schlürfgeräusche von sich gibt (einfach den Chinesen
nachmachen).
Vormittagstraining
Nach kurzer Erholungspause beginnt das nächste Training um
09:00 Uhr. Zunächst wird mit einem lockeren Jogging die Muskulatur
aufgewärmt und die Schnellkraft trainiert. Doch am Vormittag wird primär
die Dehnung trainiert.

Im Gegensatz zum deutschen Training wird die Dehnung nicht bis
an die Schmerzgrenze, sondern über diese hinaus, trainiert. Eine beliebte
Übung ist der Spagat. Der Schüler liegt auf dem Rücken, 2 weitere
Schüler halten Arme und Beine fest und der Trainer setzt sein ganzes
Körpergewicht ein, um den Schüler in den Spagat zu drücken (Ich konnte
nach dieser Übung mehrere Tage kaum gehen.). Nach diesem Prinzip laufen eine
Vielzahl von Übungen ab. Eine weitere Übung besteht darin, daß ein
Schüler sich mit dem Hinterteil auf den Boden setzt, die Fussohlen aneinander
presst und versucht, seine Knie auf den Boden abzulegen. Bei den meisten wird dies
nicht funktionieren, deshalb stellt sich eine weitere Person auf die Knie des
Schülers, um die Hebelwirkung zu vergrößern. Jeder von uns hat sich
im heimischen Schulunterricht bereits in die Brücke bewegen müssen. Dies
ist für ungeübte Personen sehr schmerzhaft, aber wer wurde in dieser
Haltung vom Trainer hochgehoben und geschüttelt? Jeder Schüler wird
unweigerlich schreien müssen und noch Tage später plagen einen gewaltige
Rückenschmerzen. Nach diesem Muster werden Arme, Beine und alle weiteren
Muskelpartien (von denen man bisher gar nicht wußte, daß man sie besitzt)
gedehnt. Danach werden die Grundelemente des Shaolin Kung Fu gelehrt: Beinschwung,
Blocken, Schlagen, Stellungen. Dieser Part unterscheidet sich nicht allzu sehr von
dem bekannten deutschen Training, allerdings ist die Wiederholungsrate sehr viel
höher. Dadurch, daß die Schüler immer und immer wieder dieselben
Techniken ausführen, erreichen sie diese hohe Perfektion. Das Training am
Vormittag endet um 11:30 Uhr.
Mittagspause
In einer der zahlreichen Restaurants oder in der Schule selber
(viel zu teuer) können wir essen. Es gibt zahlreiche Gerichte allerdings keine
einzige Speisekarte. So gehen wir in die Küche, zeigen auf die Zutaten und der
Koch bereitet eine warme Mahlzeit. Reis und Nudeln sind das wichtigste (und
preiswerteste) Nahrungsmittel. Fleisch ist sehr teuer und von einem Steak oder
Schnitzel kann man nur träumen. Vielmehr ist das Fleisch in kleine Stücken
geschnitten und dem Essen beigemengt. Vorzugsweise werden Tomaten, Kartoffeln und
verschiedenes Gemüse verwendet. Übrigens kann man weder Kaffee noch
Schokolade erwerben.
Nach dem Mittag haben wir etwas Zeit, den geschundenen
Körper zu erholen. Auf einer der zahlreichen Steinbänke können wir dem
Treiben der Chinesen zusehen, allerdings sind wir als Ausländer meistens von
einer Traube Chinesen umringt und sie wollen erzählen oder Fotos schießen.
Für Meschen, die auch mal ihre Ruhe benötigen, gibt es keinen Ort. In der
Schule, auf der Straße, selbst in den Bergen gibt es eine Vielzahl von
Chinesen, die Kontakt mit den Ausländern
suchen.
Nachmittagstraining
Um 14:00 Uhr beginnt das Nachmittagstraining. Dieses Training
ist am Interessantesten, da neue Formen und Waffen gelehrt werden. Doch auch dieses
Training beginnt mit einem Aufwärmtraining, mit Dehnen und mit
Grundschultechniken. Diese Grundschultechniken sind die unbedingte
Voraussetzung für die Formen. Die erste Form, die jeder Schüler in Shaolin
erlernt, ist die Wu Bu Quan. Diese Form besteht aus einer Abfolge von fünf
verschiedenen Grundtechniken und ist relativ einfach zu erlernen. Mit jeder weiteren
Form werden neue Stellungen, Techniken und auch akrobatische Elemente eingebaut. Die
fortgeschrittenen Shaolin Schüler erlernen den Salto vorwärts und
rückwärts, den Flic-Flac, den gesprungenen Radschlag, die gesprungene
Schraube und eine Vielzahl weiterer gesprungener Techniken. Die Sprungkraft der
Chinesen ist beachtenswert und Saltos aus dem Stand erscheinen dem Beobachter als
nahezu spielerisch.

Die Ausländer haben
aufgrund ihrer Statur größere Probleme beim Erlernen dieser
Techniken.

Standardmäßig wird das Waffentraining mit dem
Langstock (gun) begonnen, gefolgt von dem Schwert (dao) . Die beweglichen Waffen sind
schwieriger zu erlernen und werden daher im weiteren Verlauf der Ausbildung gelehrt.
So werden die neunteilige Peitsche (jiu je bian), der Dreistock (san jie gun), das
Nunchaku (liang jie gun) und die Peitsche (bian) gelehrt. Diese Waffen kombiniert mit
fantastischen akrobatischen Elementen machen die Faszination des Shaolin Kung Fu aus. Das Training endet um 18:00
Uhr.
Trainingsende
Nach einem anstrengenden Tag lohnt es sich zum ersten Mal sich
etwas zu waschen.

Die meisten Schulen besitzen keine eigenen Duschen und so
besuchen die Schulen einmal die Woche einen externen Wasch- und Duschraum. Hört
sich schlimm an, aber nach kurzer Zeit stinken wir genauso wie die Chinesen und der
Gestank fällt nicht mehr auf. Das Abendessen ähnelt dem Mittagessen. Gegen 21:30 Uhr fallen die meisten
Schüler todmüde ins Bett, denn am nächsten Morgen ertönt um 05:30
Uhr erbarmungslos die Sirene.
Straftraining
Eine Vielzahl von Chinesen trainieren in der Zeit von 20:00 Uhr
bis 21:30 Uhr freiwillig, aber von Zeit zu Zeit wird die gesamte Gruppe aufgrund
schlechter Leistungen zu einem extra Training gezwungen. In regelmäßigen
Abständen wird die Leistung jeder Gruppe von der Schulaufsichtsbehörde
inspiziert. Bei schlechter Leistung wird der Trainer aufgefordert, die Gruppe
härter zu trainieren (und zu bestrafen).
Bemerkungen zum Training
Das Training wird an 6 Tagen in der Woche durchgeführt.
Jede Schule hat einen anderen freien Tag (ansonsten hätten 15.000 Schüler
auf einmal frei). Die Zeiten des Trainings variieren von Schule zu Schule etwas und
je nach Jahreszeit werden die Trainingszeiten angepaßt. Man muß bedenken,
daß das Training (mit Ausnahme einiger weniger Chinesen und Ausländer) auf
einem steinharten Boden im Freien durchgeführt wird.

Es gibt keine Beleuchtung und im Winter wird das Laufen in fast
absoluter Dunkelheit durchgeführt!!! Alle akrobatischen Elemente werden mit
Ausnahme einiger dünner Matten auf dem steinharten Boden erlernt. Unfälle,
Verstauchungen, etc. sind an der Tagesordnung, allerdings ist es den Schülern
nicht erlaubt, krank zu sein. Selbst absolut geschwächt oder humpelnd
müssen sie am Training teilnehmen. 1 Monat im Jahr, meistens im Januar oder
Februar sind Ferien.
Ausländer im Training
Eine Vielzahl von Ausländern stehen dieses harte Training
nicht durch. Innerhalb einer Woche rebelliert der Körper mit starken
Krämpfen und Durchfall. Es folgen Wochen
in denen die Krämpfe so stark sind, daß man nicht mehr in der Lage ist,
Treppen zu steigen. Jeder Schritt ist eine Qual und erst langsam gewöhnt sich
der Körper an diese extremen Belastungen. Nach dem ersten Monat gehen die
Schmerzen auf ein erträgliches Maß zurück, aber während der
weiteren Trainingsmonate werden diese Schmerzen immer bleiben. Durch neue Techniken
und Waffen werden Muskeln beansprucht, die zuvor nicht diese Belastungen kannten.
Auch Blutergüsse sind auf Dauer nicht zu vermeiden.
Resumee
Wer nach diesem Erfahrungsbericht immer noch Lust verspürt
Shaolin Kung Fu zu trainieren und der
absoluten Überzeugung ist, daß er das Training durchstehen wird, der
wird ein anstrengendes aber erlebnisreiches Abenteuer beginnen, von dem er sein
ganzes Leben schwärmen wird.
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